The Golden Egg und das Vermächtnis des Seephönix
Jede Hafenstadt hat ihre Legenden, doch keine ist seltsamer als die von Captain Goldei, dem furchtlosen Piraten, dessen Ruf die Wellen erzittern ließ. Sein Schiff, die Feurige Feder, war berüchtigt für kühne Überfälle und spektakuläre Fluchten – doch das wirklich Außergewöhnliche an Captain Goldei war nicht sein Mut, seine List oder sein Schatz. Nein, das wahrhaft Seltsame war, dass er ein Ei war.
Ein großes, goldenes Ei.
[Lesezeit: ca. 5 Minuten]

Niemand in seiner Crew oder in Port Narrow fand daran etwas Merkwürdiges. Er sprach wie ein echter Pirat, trank Rum wie ein Seebär und führte sein Schwert mit beeindruckender Geschicklichkeit, obwohl niemand genau wusste, wie.
Für seine Männer war er schlichtweg der beste Captain, den sie je hatten. Und wer sich über sein ungewöhnliches Äußeres lustig machte, fand sich schneller über Bord als er „Rührei“ sagen konnte.

Die Jagd nach dem Seephönix
Eines Tages, während einer durchzechten Nacht in der Taverne „The Iron Tooth“, hörte Captain Goldei von einer sagenumwobenen Kreatur – dem Seephönix. Man erzählte sich, dass dieser mythische Vogel auf einer verborgenen Insel lebte und seine goldenen Federn unglaubliche Kräfte besaßen. Doch Goldei interessierte sich weniger für Federn – ihm wurde zugetragen, dass der Phönix einmal alle hundert Jahre ein einziges Ei legte, das angeblich das Geheimnis ewigen Glücks in sich trug.
„Ein Ei von einem Vogel, der nicht stirbt? Das klingt nach ’ner Investition in meine Zukunft!“, rief der Captain aus, während er seinen Rum in einem Zug leerte. „Männer, setzt die Segel! Wir holen uns das Ei!“
Die Crew jubelte – eine Schatzjagd war immer gut für die Moral. Und so brachen sie auf, mit Kurs auf die Isla Pluma, die nur in den ältesten Karten verzeichnet war.

Das Rätsel der Insel
Nach wochenlanger Suche fanden sie schließlich die Insel, umgeben von dichtem Nebel und schroffen Felsen. Doch anstatt auf ein glühendes Nest oder ein gigantisches Ei zu stoßen, fanden sie eine verlassene Höhle voller uralter Symbole und goldener Federn, die in der Dunkelheit schimmerten.
„Kein Ei in Sicht“, murmelte Goldei und kratzte sich nachdenklich. (Wie genau er das tat, wusste niemand.)
Als sie weiter vordrangen, fanden sie einen steinernen Altar mit einer in den Fels gemeißelten Inschrift:
„Nur der Reine darf das Vermächtnis des Phönix empfangen.“
„Rein?“, brummte Matrose Flint. „Wir sind Piraten, wir haben den Begriff nicht mal im Wortschatz.“
Doch als Goldei auf den Altar sprang, begann die Höhle zu beben. Ein helles Licht erfüllte den Raum, und aus den Wänden schossen Flammen hervor. Dann, mit einem gewaltigen Schrei, erhob sich der Seephönix selbst aus der Dunkelheit.
Seine goldenen Federn leuchteten, seine Augen brannten wie Feuer. Und dann … dann lachte er.
„Ich habe lange auf dich gewartet, Goldei“, sprach der Phönix mit tiefer, donnernder Stimme.
„Oh?“ Der Captain schaukelte auf dem Altar. „Gut, dass ich vorbeigekommen bin.“
„Du bist einzigartig. Ein wahres Wunder der See. Und nur du kannst das Vermächtnis des Phönix in die Welt tragen.“
Mit diesen Worten schlug der Phönix mit den Flügeln – und aus dem Stein tropfte plötzlich eine dickflüssige, goldene Flüssigkeit. Sie roch nach süßem Rum und einem Hauch von Vanille.
„Das ist das wahre Geschenk des Phönix“, verkündete der Vogel. „Ein Elixier, das Mut, Glück und Abenteuerlust in sich trägt. Ein Getränk, das deinen Namen tragen wird, Goldei.“
Der Captain beäugte die Flüssigkeit misstrauisch. Dann tunkte er einen Finger hinein – sofern ein Ei überhaupt Finger haben konnte – und probierte. Seine Augen (oder was auch immer er zum Sehen benutzte) weiteten sich.

„Verdammt!“, rief er. „Das ist das Beste, was ich je getrunken habe!“
Er ließ so viel wie möglich abfüllen und brachte das Rezept zurück nach Port Narrow. Dort, in den Tavernen der Hafenstadt, wurde das Elixier zu einer Legende – ein Getränk, das den Namen des größten Piraten aller Zeiten trug.
Und so entstand der Port Narrow – The Golden Egg, benannt nach dem furchtlosen Piraten, der ein Ei war. Ein Schluck davon, so sagt man, trägt den Geist des Seephönix in sich – und vielleicht ein kleines Stück von Captain Goldeis unerschütterlichem Glück.
